Autor Thema: Wenn es sich für Dich nicht gut anfühlt...  (Gelesen 256 mal)

Offline Nakema

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Re: Wenn es sich für Dich nicht gut anfühlt...
« Antwort #15 am: 14. Oktober 2020, 12:24:21 »
Wir alle kennen die Situation! Da sieht das Pferd irgendwelche "Gespenster" und mach einen riesigen Zampano um nix. Das kann ein Gartenstuhl (der da sonst nicht steht  ;D ) neben dem Reitplatz sein, oder auch ein komisch gefärbtes Blatt am Wegesrand.

Früher habe ich dem Pferd die "Gefahr" gezeigt. Bin da extra hin und habe die Gefahrenquelle berührt. Dem Zossen gut zugeredet.

Dafür habe ich vor etlichen Jahrn auch viel Mecker bekommen! Damit würde ich die "Gefahr" ja nur noch größer reden. Das Pferd bestärken, daß da wirklich was gaaaaanz gruseliges ist. Da habe ich auch erstmal dumm geguckt! Ja was soll man denn sonst tun? Ich fand die Ansage dämlich! Und jetzt meine ich nicht die Situationen, wo man selber zuerst Streß hat und das aufs Pferd überträgt! Sondern Dinge, die man selber wirklich als völlig ungefährlich erkannt hat und man eigentlich total tiefenentspannt ist. Weil man eben genau weiß, daß der Gartenstuhl gleich NICHT plötzlich aufstehen und davon laufen wird.  ;D

Aber ich bekam den Ratschlag, einfach nix zu tun. Einfach weiter zu machen, mit dem was ich sowieso gerade vor hätte. Dem Pferd bitte signalisieren: "Du regst Dich da gerade völlig sinnlos auf, ich habe schon längst erkannt, daß da nix iss und mit mir zusammen kannst Du da vorbei!"

Ich erinner mich noch genau, daß ich in dem Moment reichlich säuerlich geguckt haben muss und im Stillen gedacht habe: "Alte, Du kannz mich mal! Datt iss abba sowatt von Quatsch!"

Aber nur versuch macht kluch - und tatsächlich klappt die "einfach-ignorieren" Taktik in vielen Fällen. Nicht immer - das muß ich auch zugeben! Aber eben doch oft. Letztens noch! Da waren wir in der Reithalle unterwegs und draußen versuchte jemand lautstark sein Pferd in den Hänger zu bugsieren. Das Pferd rappelte die Rampe ständig rauf und runter, es wurde laut geschimpft und ich hörte auch Schläge. Akando riß den Kopp hoch und ich konnte seinen Herzschlag durch den Sattel fühlen, er war zu 100% im Streß- und Fluchtmodus!

Mein erster Reflex war anhalten. Abwarten, dem Pferd Zeit geben, die Situation selber einzuschätzen und zu erkennen, daß er ja gar nicht gemeint war. Aber dann bin ich einfach meine Lektionen weiter geritten. Jaaaa, die ersten 2 - 3 Zirkel ist er immer deutlich dem Lärm und Palaver von draußen ausgewichen, aber so nach der 4. Runde entspannte er sich tatsächlich wieder und er konnte den Radau da draußen dann doch aushalten.

Das ist das Einzige "Du mußt da drüber hinweg reiten" was ich für mich persönlich akzeptieren kann.  ^-^
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Offline Kirel

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Re: Wenn es sich für Dich nicht gut anfühlt...
« Antwort #16 am: 15. Oktober 2020, 09:18:05 »
Wie in allen Fällen besitzen beide Vorgehensweisen ihre eigene Berechtigung und hängen nur von einem entscheidenden Punkt ab: Ist das Pferd noch ansprechbar oder ist es bereits völlig auf die Gefahr fixiert?

Im ersten Fall kann man dem Pferd die Situation noch erklären ("Der Herdenchef hat das schon mal gesehen"). Im zweiten Fall übernimmt man aktiv die Führung und führt die notwendigen Entscheidungen sofort aus ("Stillstand ist der Tod").

Offline Nakema

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Re: Wenn es sich für Dich nicht gut anfühlt...
« Antwort #17 am: 16. Oktober 2020, 09:19:10 »
Nicht die Parade versammelt das Pferd, sondern das Loslassen!

Die Verbindung zwischen Hand und Pferdemaul sollte wie die Verbindung zwischen zwei tratschenden Freundinnen sein. Ein ständiges hin-und-her, und auch in der Intensität wechselnd.

Mal mit der Hand eine matschige Mandarine ausquetschen, mal eine Zitrone und mal eine Bio-Zitrone mit dieser furchtbar harten Schale.

Das und noch viel mehr habe ich gestern als Zuschauer bei insgesamt 6 Reitstunden von Herrn Gerd Heuschmann gelernt. Er war die ganze Zeit freundlich und geduldig, konnte sich total einfach auf die verschiedenen Baustellen von den verschiedenen Pferden und Reitern einstellen und hatte tolle Beispiele, so daß auch alle seinen Ausführungen folgen konnten. Und es war wahnsinnig spannend zu sehen, daß die Pferde aber SOFORT reagiert haben, sobald der Reiter da oben die Anweisungen umgesetzt haben!

Trotzdem hatte er aber auch Verständnis für die menschlichen Unzulänglichkeiten, die sich im Laufe der gerittenen Jahre so eingeschlichen haben und hatte oft genug auch einen kleinen Umweg parat, um es den Reitern auf ungewöhnliche Art doch noch leichter zu machen. Ich hatte vorher z.B. noch nicht von der Littauischen Zügelführung gehört und so mancher Reitschüler auch noch nicht, es funkionierte aber sofort!

Auch wenn ich mir sicher bin, daß sich meine Körperkerntemperatur am Abend um mindestens 5°C runter gekühlt hatte, war es ein toller Tag und mir schwirrte der Schädel von dem ganzen Input. Es war ein privat organisiertes Event wo "eigentlich" keine Zuschauer erlaubt waren. Aber da ich als Assistentin und seelischer Beistand einer Reiterin gebucht war, durfte ich auch die ganze Zeit dabei sein.

Ich selber möchte auch gar nicht unbedingt eine einzelne Reitstunde bei Herrn Heuschmann haben. Ich nehme gerne mit seiner Schülerin als meine Trainerin vorlieb  ;)
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